Wertschöpfungskette Tourismus

    • Ökologische
      Indikatoren
    • Emissionen, Abwässer und Abfälle

      Der intensive Transport, vor allem durch Flugzeuge, setzt große Mengen klimaschädlicher Emissionen frei. Kreuzfahrtschiffe, die meist Schweröl ohne Rußfilter verbrennen, stoßen zusätzlich klima- und gesundheitsschädliche Schadstoffe aus. Unsachgemäßer Umgang mit Abwässern und Abfällen verschmutzt die Umwelt in den Zielgebieten erheblich. Hotels sowie Bau- und Erschließungsprojekte leiten verschmutztes Abwasser oft illegal in natürliche Gewässer ein, was schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann.

    • Ressourcenverbrauch

      In vielen bereisten Regionen fehlen Gesetze, die den Ressourcenverbrauch kontrollieren oder regulieren. Dieses Risiko zeigt sich sowohl bei der Erschließung der Reiseziele als auch auf der Stufe der Second und First Tier Lieferanten sowie letztlich beim Touristen am Ende der Wertschöpfungskette. Maßnahmen zur Senkung des Ressourcenverbrauchs, etwa durch den Einsatz erneuerbarer Energien, scheitern oft an fehlenden Anreizen.

    • Biodiversität

      Die biologische Vielfalt – von Tier- und Pflanzenarten bis zu Mikroorganismen und Lebensräumen – ist besonders auf der ersten Stufe der touristischen Wertschöpfungskette bedroht. Beim Erschließen von Reisezielen werden oft Landschaften zerstört, wodurch empfindliche Ökosysteme Schaden nehmen. Häufig folgt darauf eine Übernutzung der betroffenen Gebiete.

    • Transportemissionen

      Transportemissionen im Tourismus entstehen vor allem durch die An- und Abreise der Touristen sowie durch ihre Beförderung vor Ort. Da der Transport im Tourismus eine zentrale Rolle spielt, beeinflussen Art und Umfang der Fortbewegung maßgeblich die Umweltbelastung durch klimaschädliche Emissionen. Besonders Kreuzfahrten stechen negativ hervor, da sie fast ausschließlich auf den Transport ausgerichtet sind (siehe auch "Emissionen, Abwässer und Abfälle“).

    • Tierschutz

      Im Tourismus gefährdet die Erschließung neuer Reiseziele Tiere, da sie oft ihre natürlichen Lebensräume verlieren. Auch touristische Angebote von Hotelbetreibern oder Ausflugsanbietern bergen Risiken für die Tiere. Attraktionen wie Kamelreiten in der Wüste, Delfinshows im Hotelpool oder Elefantenreiten erfreuen sich großer Beliebtheit, doch die Tiere leiden häufig darunter.

    • Menschenrechte
    • Diskriminierung

      Ein wesentlicher Grund für Diskriminierung in der Tourismusbranche liegt beim Reisenden selbst. Organisierte Ausflüge, die Touristen mit den Sitten und Gebräuchen des Reiselandes vertraut machen sollen, missachten oft die Privatsphäre und führen zu erniedrigenden Begegnungen zwischen Reisenden und Einheimischen. Zudem kommt es häufig zu Diskriminierung von Mitarbeitern aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder ethnischen Zugehörigkeit – besonders im sensiblen Bereich der Zulieferer der zweiten Ebene.

    • Interessen der lokalen Bevölkerung

      Bei der Erschließung neuer Reiseziele, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, kommt es immer wieder zum Landgrabbing: Einheimische werden von ihrem eigenen Land vertrieben, um touristischen Projekten Platz zu machen. Schwer wiegt zudem, dass knappe, lebenswichtige Ressourcen von Second und First Tier Lieferanten beansprucht werden. Besonders beim Zugang zu Wasser zeigt sich dieses Risiko deutlich. Insgesamt droht, dass der ökonomische Mehrwert nicht in den Reiseländern entsteht, sondern vor allem den Reiseanbietern in ihren Heimatländern zufällt.

    • Kinderarbeit

      Im Tourismus arbeiten laut ILO 13 bis 19 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Besonders im serviceintensiven Bereich der Second- und First-Tier-Lieferanten ist das Risiko von Kinderarbeit groß. Zudem gibt es auf der letzten Stufe der Wertschöpfungskette ein gravierendes Problem: die Prostitution von Kindern, die auch von Touristen nachgefragt wird. In Regionen wie Südostasien, Osteuropa oder der Karibik ist die Gefahr von Kindesmissbrauch durch Sextourismus besonders hoch.

    • Zwangs- und Pflichtarbeit

      Das Risiko der Zwangs- und Pflichtarbeit lässt sich in der touristischen Wertschöpfungskette vor allem in der Hochsaison im informellen Sektor der Second Tier Lieferanten verorten.

    • Gewerkschaftsfreiheit

      Das Recht auf Gewerkschaftsbildung gilt international als weitgehend unstrittig und spiegelt sich in den Gesetzen vieler Länder wider. Dennoch sind Gewerkschaften im Tourismus oft schwach vertreten. Besonders in großen, global agierenden Hotelketten, im Gastgewerbe und bei Zulieferern missachten viele Unternehmen die gesetzlichen Vorgaben. Die Gewerkschaftsfreiheit bleibt in diesen Bereichen häufig ein leeres Versprechen.

    • Arbeitspraxis/
      -qualität
    • Beschäftigungs-
      verhältnis

      Prekäre Arbeitsverhältnisse treten in der Tourismusbranche vor allem in den Reiseländern auf. Hotellerie, Gastgewerbe und Zulieferbetriebe bieten viele Niedriglohnjobs, oft ohne Kündigungsschutz, Sozialversicherungen oder hohe Qualifikationsanforderungen. Wegen der saisonalen Schwankungen fordern diese Jobs von den Beschäftigten große Flexibilität. Besonders in der Hochsaison prägen lange, unregelmäßige Arbeitszeiten – etwa an Wochenenden, nachts oder während der Saison – niedrige Löhne und ein hohes Risiko von Arbeitslosigkeit den Alltag der Beschäftigten.

    • Arbeitssicherheit und Gesundheit

      Gefahren für Arbeitssicherheit und Gesundheit treten in der Tourismusbranche vor allem bei dienstleistungsintensiven Zulieferern der First und Second Tier auf. Lange Arbeitszeiten durch Saisonarbeit, etwa auf Kreuzfahrtschiffen, und hohe körperliche Belastungen, wie sie bei Haushaltstätigkeiten in großen internationalen Hotelketten häufig vorkommen, erhöhen die Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz.

    • Diskriminierung/ Diversity

      In der Tourismusbranche arbeiten überwiegend Frauen: Rund 55 Prozent der Beschäftigten sind weiblich. Führungspositionen hingegen besetzen meist Männer. Auch bei der Bezahlung zeigt sich eine Ungleichheit: Frauen verdienen für die gleiche Arbeit im Schnitt 10 bis 15 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Die Defizite in der sozialen Vielfalt treten vor allem bei den First-Tier-Lieferanten auf, etwa in Hotels und der Gastronomie.

    • Governance
    • Korruption, Bestechung, Vorteilsannahme

      Korruption und Bestechung bleiben in der Tourismusbranche ein relevantes, oft verborgenes Risiko. Konkrete Fälle und politisch heikle Einflussnahmen werden selten öffentlich, doch gerade in Ländern mit schwacher Regierung treten sie auf – etwa beim Verkauf oder der Vermietung von Land zur Erschließung neuer Reiseziele.

    • Wettbewerbswidriges Verhalten

      Wettbewerbswidriges Verhalten tritt besonders häufig auf der ersten Stufe der touristischen Wertschöpfungskette auf. Vor allem bei der Vergabe von Aufträgen zur Erschließung touristischer Ziele zeigt sich dieses Problem – nicht nur in Entwicklungs- und Schwellenländern. Solche Praktiken können die Interessen der lokalen Bevölkerung verletzen, etwa wenn die Erschließung zur Vertreibung der ansässigen Menschen führt.

    • Compliance

      In der Tourismusbranche treten Verstöße gegen die Rechtsordnung vor allem bei der Erschließung von Destinationen und bei Second-Tier-Lieferanten auf. Besonders riskant ist die Auftragsvergabe für touristische Erschließungen, da sie oft in undurchsichtigen Strukturen erfolgt und Vertragspartner dabei gegen Gesetze und rechtliche Vorgaben verstoßen.

    • Steuerhinterziehung

      Im Tourismus entsteht das Risiko der Steuerhinterziehung vor allem im informellen Sektor bei Second-Tier-Lieferanten. Wie stark es ausgeprägt ist, hängt vom jeweiligen Zielgebiet ab. Steuern lassen sich etwa umgehen, indem man Abfall an der offiziellen Infrastruktur vorbei entsorgt oder Mitarbeiter ohne Arbeitsvertrag bezahlt.

    • Bad Governance

      Wer eine Reise bucht, unterstützt in der Tourismusbranche oft ungewollt fragwürdige politische Regime. In Ägypten etwa kontrolliert das Militär weite Teile des Tourismussektors. Auch nach den Revolutionen bleiben hochrangige Offiziere wichtige Investoren und Eigentümer von Hotelanlagen. Reiseveranstalter und Vermittler stehen daher vor der Herausforderung, mit ihren Angeboten und der Nachfrage indirekt korrupte Eliten oder autoritäre Herrschaftsformen zu fördern.

    • Produkt-
      verantwortung
    • Kundensicherheit

      Kundensicherheit im Tourismus ist ein sensibles und emotionales Thema – sowohl für die Hauptlieferanten als auch für die Reiseveranstalter. Gefährden Hotels durch Unachtsamkeit oder Reiseveranstalter durch falsche Informationen die Gäste, droht den Anbietern ein erhebliches Reputationsrisiko, sobald solche Fälle bekannt werden.

    • Kennzeichnung von Produkten

      Falsche Produktkennzeichnungen gefährden Reiseveranstalter und -vermittler vor allem wirtschaftlich. Neben dem Schaden für das Ansehen droht auch ein Rückgang der Kundenzufriedenheit. Besonders bei nachhaltigen Reisen erschwert die Vielzahl an Labels und Zertifikaten die Orientierung. Statt Klarheit zu schaffen, stiften sie oft Verwirrung.

    • Marketing, Werbung
    • Schutz der Kundendaten

Tourismus – eine ethische Risikoanalyse

Reisen und Urlaub verbinden die meisten Menschen mit Erholung, Abenteuer und Spaß. In der schönsten Zeit des Jahres soll nichts die Freude trüben, weshalb die Tourismusbranche selten mit gravierenden ethischen Problemen in Verbindung gebracht wird. 

Doch tatsächlich gibt es zentrale Risiken: klimaschädliche Emissionen durch Flugverkehr, die Überlastung der Umwelt, die Missachtung von Rechten der lokalen Bevölkerung und schlechte Arbeitsbedingungen. Letztere treten vor allem in den Reiseländern auf, während die Risiken insgesamt in einem größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext stehen.

Das era-paper Tourismus analysiert die Wertschöpfungskette anhand der Weitergabe von Dienstleistungen und Gütern: Zulieferer wie Nahrungsmittelhersteller, Energie- und Wasseranbieter oder Abfallentsorger (Second-Tier) beliefern Hotels und Restaurants (First-Tier). Reiseveranstalter bündeln diese Leistungen, bis schließlich das Endprodukt – die Reise – dem Kunden zur Verfügung steht.

Laut ethischer Risikoanalyse sind die Hauptproblemfelder im Bereich Tourismus:

 

Weiterführendes und Downloads zur ethischen Risikoanalyse Tourismus